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Forschen // Darstellen

„Menschlich existieren heisst die Welt benennen, sie verändern. Einmal bei Namen benannt, erscheint die Welt wiederum den Benennern als Problem und verlangt von ihnen neue Benennung. Menschen wachsen nicht in Schweigen, sondern im Wort, in der Arbeit, in der Aktion-Reflexion.“ Paolo Freire in: Pädagogik der Unterdrückten Stuttgart 1970, S. 94

„Forschendes Lernen als künstlerische Aktion. Dies sind unsere Projekte für Jugendliche an Schulen, Bildungszentren und in der soziokulturellen Arbeit. Sie basieren auf Positionen der Aktionsforschung und der dialogischen Arbeit mit Jugendlichen. Ästhetische Ausdrucksfähigkeit und Reflexion nicht rein intellektuelle Fähigkeiten bestimmen diesen Ansatz.

Grundlegendes Motiv/Ziel ist es Kompetenzen zur Teilnahme an gesellschaftlichen, demokratischen Entwicklungen zu stärken, sich als Mitglied einer lebendigen und reflektierenden Gesellschaft zu verstehen und gemeinsam durch das Projekt relevante Erfahrungen zu machen, sowie diese auf künstlerische Weise auszudrücken.

Es sollen durch die Förderung des kritischen Dialogs, der Reflexion und nicht zuletzt der Ausdruckskraft des Körpers Möglichkeiten des forschenden Lernens realisiert werden. Dass Forschen im Medium des Theaters als die Verknüpfung von Praxis und Theorie verstanden werden muss, ist eine der Aktionsforschung im sozialen Feld wichtige verwandte  Eigenschaft. Die praxisorientierte Aktionsforschung hält dem künstlerisch gestalterischen Forschungsfeld stand und differenziert dialogisch, zyklisch.

Es entsteht ein gestalterisches und zyklisches Projekt, welches das Publikum zur sinnlich, dialogischen Wissensbildung einlädt und gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar macht.

Vorgehen/Methodik:

Es gibt grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten der Künstlerischen Aktionsforschung, je nach eingesetzten Medien mit welchen man arbeiten möchte. Es können Bilder, Filme oder theatralische Ereignisse im Medium der Sprache sein. In diesem Text stehen dramaturgische Möglichkeiten des Theaters im Mittelpunkt – insbesondere die folgenden beiden:

1. Ein Aktionsforschungsprojekt als eigenständige Forschungsarbeit. Ausgehend von anschaulich präsentierten Daten werden die Jugendlichen in die Auseinandersetzung und den Dialog über die dahinter stehende Fragestellung einbezogen. Dies gipfelt in der theatralischen Umsetzung, in deren Rahmen der Dialog mit dem Publikum (Mitschüler, Eltern, Öffentlichkeit) gesucht wird. Hier bilden die Dramaturgisierung und die darauf bezogenen Dialoge selbst den Forschungsprozess.

2. Die Dramatisierung von Forschungsergebnissen, in welcher man sich mit Resultaten von Wissenschaften (Naturwissenschaften, Geschichte, Geografie) auseinandersetzt und diese theatralisch umsetzt.  Dies kann dann noch mit einem Feedback des Publikums verknüpft werden, das dadurch sinnlich in den Dialog einbezogen wird. Ausgangspunkt bei dieser Form ist die Tatsache, dass man dadurch einen anderen und anschaulicheren Zugang zu Forschungsergebnissen erhält, wie mit einem wissenschaftlichen Bericht, der auch emotional meist wenig ansprechend ist.

Zyklus I: Fragefindung, Datensammlung und Dialog.

Im Mittelpunkt steht eine für die Betroffenen relevante Fragestellung, die uns lokal, gegenwärtig beschäftigt und die wir gemeinsam finden müssen.

Dazu stellen wir den Schülern im zu untersuchenden Feld verschiedene Anreize bereit (Texte, Bilder, Videos etc.). Dies soll zu einer Fragestellung führen, die nicht einfach mit einem Ja oder Nein beantwortet werden kann, sondern die weiter untersucht werden muss („Philosophische“ Fragestellung).  Aufgrund dieser Fragestellung beginnt die konkrete Arbeit mit den Jugendlichen: Es werden Daten gesammelt, zum Beispiel in Form von Fragebogen und Interviews. Videos, Bilder und Texte zum Problem können gesucht werden. Dabei spielt der Einsatz von verschiedenen Medien wie Fotografie, Film und Audio eine wichtige Rolle. Die „Datensammlung“ ist hier als biografische Arbeit zu verstehen und orientiert sich an Erfahrungen und Kenntnissen, die in einem engen Zusammenhang mit unserer Fragestellung stehen. Diese Erfahrungen präsentieren wir uns gegenseitig und wählen eine Erfahrung als Untersuchungsobjekt aus. Durch Befragung der Person oder Gruppe, die die ausgewählte Erfahrung eingebracht hat und durch weitere Recherchen vertiefen und überprüfen wir die Sachlage. Nachdem wir uns für ein konkretes Projekt entschieden haben, widmen wir uns nun unserer konkreten Fragestellung und halten unsere Ansichten und Erkenntnisse schriftlich und für alle gut sichtbar fest. Wir versuchen weiterführend  relevanten Konsens zu formulieren, der sich über unsere privatpersönlichen Ansichten hinausbewegt. Wir orientieren uns im Dialogischen an den Erkenntnissen von Leonard Nelson und Gustav Heckmann, die für eine basisdemokratische und kritische Gesprächsform plädierten und an pädagogischen Ansätzen von Paulo Freire, sowie an Aktions- und Praxis-Forschungsansätzen (Moser).

In der Folgearbeit erarbeiten die Jugendlichen durch Improvisation und dramaturgische Arbeit eine gestalterische Umsetzung auf der Bühne. Diese Umsetzung präsentieren wir nun einem Publikum als Ergebnis von Zyklus I.

Zyklus II: Reflexion & Differenzierung der Ergebnisse im kritischen Dialog.

Es ist wesentlich für eine Aktionsforschung, dass die Arbeit mit dem Zyklus I nicht zu Ende ist. Es geht darum die Ergebnisse kritisch zu reflektieren und wenn möglich weiterzuentwickeln. Deshalb suchen wir bereits im Anschluss an die Präsentation den Dialog mit dem Publikum. Die Ergebnisse dieser Diskussion und die eigenen Erfahrungen der Beteiligten mit der Präsentation werden in der Folge mit der Gesamtgruppe der Beteiligten weiter bearbeitet. Es können dazu auch externe Personen beigezogen werden. Vielfach entsteht aus dieser Weiterarbeit eine neue Fassung des ursprünglichen Stücks, die sich von der ersten Fassung stark unterscheidet und auch zu ganz neuen medialen Präsentationen führt. Dieses Endprodukt wird als Produkt wiederholbar und es wird filmisch festgehalten.

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